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Soziales Dorf: Projektstand

Ashoka-Geschäftsführer über Heny Ford und Maria Montessori

Eingereicht von Detlef am 23. Mär 2011 - 10:00 Uhr             Seitenaufrufe: 1492

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Rede von Felix Oldenburg anlässlich der feierliche Ehrung neuer Ashoka Fellows 2010

Vor 100 Jahren sind zwei große Innovationen an den Start gegangen: 1910 begann Henry Ford, mit seinen Autofabriken die moderne Fertigungstechnik zu revolutionieren. Und ebenfalls vor 100 Jahren gründete Maria Montessori in Rom den ersten Kindergarten mit einem modernen pädagogischen Konzept, die casa dei bambini, die erste Lehreinrichtung – nicht nur Aufbewahrungsstelle – für Kleinkinder jenseits der Hauslehrer für die Reichen. Beide Ideen haben die Welt revolutioniert und sind zu einem neuen Standard geworden.

Heute werden 50 Millionen Autos jährlich produziert, und das Fließband hat die Produktivität auf der ganzen Welt vervielfacht. Aber auch Montessoris Einsicht, dass schon Kleinkinder spezialisierte Bildungsangebote brauchen, ist weit jenseits der nach ihr benannten Kindergärten verbreitet und hat eine ganze Disziplin gegründet. Ohne sie wäre unser ganzes System der frühkindlichen Bildung kaum denkbar.

Henry Ford ist ein Unternehmer. Maria Montessori eine Sozialunternehmerin. Sie trat mit einer neuen gesellschaftlichen Idee gegen Widerstände und Konventionen an und hat systematisch daran gearbeitet, diese neue Idee am Markt, in unseren Köpfen und in unseren Städten zu etablieren. Sie war ein Bildungspionier, eine Spielzeugerfinderin, eine Organisationsgründerin, eine Markenspezialistin und eine internationale Aktivistin.

Beide Innovationen haben unsere Welt verändert, und es kommt nicht darauf an, welche mehr Gutes bewirkt hat. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Bei wirtschaftlichen Innovationen unterstützt der Markt, allein schon, weil es die Aussicht auf Gewinn gibt. Jeder von Ihnen hier hätte wohl gern im Nachhinein in Henry Ford investiert. Wenn Sie damals $1 angelegt hätten, hätten Sie mit $313.678 (Danke an TU München) einen guten Gewinn gemacht. Und bei Maria Montessori? Jeder soziale Investor hier hätte ihr wahrscheinlich im Nachhinein gern beim Start geholfen.

Im Nachhinein ist es einfach. Aber ich möchte diesem Abend gern die Frage voran stellen, welche Start- und Wachstumsbedingungen wir den großen sozialen Ideen geben, die heute an den Start gehen, um in den nächsten Jahren Menschen in Arbeit zu bringen, Grenzen zu überwinden und uns als Gesellschaft voranzubringen.

Die wichtigste Startbedingung ist nicht das Geld. Die wichtigste Startbedingung ist unsere gesellschaftliche Einstellung gegenüber Menschen, die sich verantwortlich machen, die eine mutige neue Idee formulieren und sich in das Risiko begeben, sie auch umzusetzen. Die drei größten Hürden sind Einwände, die wir alle kennen – und auch alle Ashoka Fellows, die wir Ihnen später heute vorstellen: 1. Das kann man nicht ändern. 2. Dafür ist sicher jemand anders zuständig. 3. Und: Man könnte ja scheitern. und wahrscheinlich noch: Früher war alles besser. Kinder haben diese Einwände übrigens nicht. Da haben sie uns Einiges voraus. (Für die Kinderfragen gibt es bei Ashoka auch Antworten: Da ist Heike Schettler mit ihren Forscherbüchern zuständig, und auch Volker Baischs Väterbuch ist sehr hilfreich.) Sozialunternehmer setzen sich über diese Einwände hinweg. Ihre Persönlichkeiten, Ideen und Wirkungsgeschichten zeigen, dass es doch geht, dass Menschen Großes ändern können, dass Jeder sich zuständig erklären kann. “Never doubt that a small group of committed people can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has.” Margaret Mead, die amerikanische Anthropologin, die sich mit Montessori gut verstanden hätte. Aber das heißt nicht, dass diese Einwände den Sozialunternehmern nicht täglich als kleine und große Widerstände begegnen. Und bevor wir gleich acht außergewöhnliche Sozialunternehmer als neue Ashoka Fellows auszeichnen, würde ich gern unseren Blick darauf richten, dass sie nur so erfolgreich sein werden, wie wir es als Gesellschaft zulassen.

(1) Wir brauchen eine Gesellschaft, in der soziale Innovationen bessere, nicht schlechtere Bedingungen haben als wirtschaftliche Innovationen. Das beginnt erstens bei uns selbst – damit, dass wir die drei oben genannten Einwände nicht gelten lassen, wenn es darum geht, uns selbst zu engagieren. Oft sind wir damit zufrieden, dass etwas gut gemeint ist und fragen dann nicht weiter. Wer die Ressource Engagement aber wertschätzt, der erlaubt sich nachzufragen. Und wer die Ressource Engagement wertschätzt, misst sein eigenes Engagement daran, was es bewirkt. Denn so großartig es ist, wenn Menschen sich freiwillig engagieren, so sehr schulden wir es auch den Problemen, dass wir die Latte höher hängen. Dass wir uns nicht irgendwie einbringen, sondern mit dem Besten, was wir haben. Mit unseren professionellen Kompetenzen, sei es als Anwalt oder Finanzexperte, mit unseren Netzwerken, mit unserer Zeit. Wir brauchen eine Engagementlandschaft von Profis für Profis, wenn wir Sozialunternehmer wirksam unterstützen wollen.

(2) Wir brauchen eine Gesellschaft, in der soziale Innovationen bessere, nicht schlechtere Bedingungen haben als wirtschaftliche Innovationen. Das bedeutet zweitens, dass wir Sozialunternehmer so fördern, wie sie es brauchen. Sozialunternehmer zeigen uns nicht nur, wie man eine Idee durchsetzen kann. Sie zeigen auch, wie man Ressourcen wirksam nutzen kann. Darauf muss man sich aber auch einlassen, wenn man sie unterstützen will. Sozialunternehmer sind Unternehmer. Sie brauchen freie, unternehmerische Formen der Finanzierung. Sie brauchen Beratung und Netzwerke statt Vorgaben. Sie müssen Kapitän auf ihrem Schiff bleiben dürfen, wenn sie den schnellsten Weg zum Ziel finden sollen. Viele wichtige Ressourcen sind heute in diesem Raum versammelt: Von Stiftungen, privaten Investoren, Profis mit Fachwissen, Netzwerkern und Kommunikatoren. Wenn Sie den Sozialunternehmern helfen wollen, die Welt zu verändern, dann machen Sie sie nicht zu Antragstellern, sondern zu Koproduzenten!

(3) Wir brauchen eine Gesellschaft, in der soziale Innovationen bessere, nicht schlechtere Bedingungen haben als wirtschaftliche Innovationen. Das bedeutet drittens eine politische Agenda für kluge Rahmenbedingungen: Ein Förderprogramm mit maßgeschneiderten Start- und Wachstumsfinanzierungen für Sozialunternehmer, denn es kann nicht sein, dass wir für Forprofit-Startups Millionenfonds haben und für Nonprofit-Startups nichts. Vergabe- und Förderrichtlinien, die kreatives und unternehmerisches Handeln von sozialen Organisationen nicht mehr bestrafen sondern belohnen. Ein Kommunikationsprogramm, um mehr Menschen zu ermutigen, Organisationen zu gründen, die gesellschaftliche Probleme lösen.

Sozialunternehmer sind nicht der bessere Sozialsektor. Aber sie bringen in einer Zeit großer Probleme und leerer Kassen neue Lösungen, neue Ressourcen und neue Marktstrategien, die aus sich selbst heraus wachsen können. Und: Sozialunternehmer sind Pioniere einer Gesellschaft, in dem jeder die Freiheit, das Selbstvertrauen und die Unterstützung hat, sich die Lösung von Problemen zuzutrauen statt sie nur von Anderen zu erwarten – und das ist die Voraussetzung für eine Gesellschaft, die ihre Probleme schneller lösen will als neue entstehen. Viele von uns hier hätten im Nachhinein gern in Maria Montessori investiert: Zeit, Engagement, Netzwerke, Geld. Vielleicht gibt es heute Abend die Chance, eine solche Investition zu machen. Und wenn Ihnen meine Mitgeschäftsführerin Oda Heister gleich die neuen Ashoka Fellows vorstellen, sollten wir uns alle fragen, mit welchen unserer eigenen Ressourcen wir ihnen bei der Verbreitung ihrer Lösungen helfen können.

Quelle: Ashoka Deutschland



Anmerkungen: Rede von Felix Oldenburg (Ashoka) im Dezember 2010 zur Ehrung neuer Fellows
FOTO: unbekannt (Wikimedia Commons)


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