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Arbeitslosigkeit | Gesundheitsvorsorge | Deutschland
Soziales Dorf: Projektstand

Arbeitslosigkeit: Der Zivilisationsseuche die Giftzähne ziehen ..?

Eingereicht von Blogredaktion am 10. Apr 2012 - 05:55 Uhr             Seitenaufrufe: 2826

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Bundesagentur und Krankenkassen (GKV) arbeiten in der Prävention für Erwerbslose zusammen - ein erster Faktencheck aus Betroffenensicht

Bundesagentur für Arbeit und die gesetzlichen Krankenkassen werden in die Gesundheitsvorsorge für erwerbslose Menschen einsteigen. Das wurde am Gründonnerstag 2012 in einer gemeinsamen Pressemeldung bekannt gegeben.
Eine zeitliche Begrenzung wird nicht genannt. Das erscheint wohl überlegt, denn beide wissen nur zu genau, dass Gesundheitsvorsorge für Arbeitslose alles andere als eine einfache, überschaubare Aufgabe ist.

Sozialpolitisch könnte es durchaus ein kleiner Meilenstein werden. Ob es tatsächlich einer wird, dürfte erst in einigen Monaten zu erkennen sein.
Denn was bei den Betroffenen tatsächlich wie ankommen wird, ist bisher höchst ungewiss. Die Präventionsangebote sind noch zuwenig konkretisiert, genauso wie die Hilfsatmosphäre, in der die Umsetzung stattfindet. Hier gibt es bereits erhebliche Bedenken.
Denn mit ungeschriebenem "Kleingedrucktem" ist bei Hartz IV immer zu rechnen.


"Erwerbslose Gesundheitchancen" - die Vorgeschichte

Die aktuelle Kooperationsvereinbarung zwischen BA und GKV ist nicht der erste grössere Anlauf zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Erwerbslosen.
So veröffentlichte die agentureigene IAB im März 2003 den Report 'Arbeitslos - Gesundheit los - chancenlos' mit Handlungshinweisen. Vor Ort in den Kommunen fanden die jedoch wenig Beachtung.
Im November dann ging der Verbund 'Gesundheitliche Chancengleichheit' an den Start, eine Kooperation von BZgA und Gesundheit Berlin-Brandenburg. Zu deren Aktivitäten gehört der zweitägige Kongress Armut und Gesundheit, zu dem einmal im Jahr eingeladen wird.
Auch der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) hatte sich intensiv mit dem Themengebiet auseinandergesetzt, dem Gesundheitsministerium berichtet und Empfehlungen für Primärprävention mit Arbeitslosen ausgesprochen.

Gebracht haben die Aktivitäten nicht viel - um das Wörtchen nichts zu vermeiden. In puncto gesundheitlicher Lage von arbeitslosen Mitmenschen gleichen die Gesundheitsreporte der Krankenkassen seit Jahren eher Katastrophenmeldungen.


Bundesagentur & GKV versus Arbeitslosigkeit ---> Krankheit

Grundsätzlich ist eine beherzte Zusammenarbeit für mehr Erwerbslosengesundheit sehr zu begrüssen. Denn das Leid kranker Arbeitsloser schmerzt auch den Beitragszahler, nur an anderer Stelle.
Klug angegangen kann umgekehrt eine klassische Win-Win-Situation für alle herauskommen. In der gemeinsamen Mitteilung von BA und GKV ist diese Erkenntnis auch nachzulesen.  ".. die Arbeitslosen selbst profitieren genauso wie die Sozialversicherungen und die Wirtschaft." so der Vorstand des GKV-Spitzenverbandes Kiefer.

Auch die existenzielle Bedeutung der Gesundheitsaufgabe scheint angekommen zu sein. BA-Vorstand Alt nennt es einen "'Teufelskreis' Arbeitslosigkeit und Krankheit". Die neuen Partner wollen darauf hinwirken, daß die Menschen "möglichst gesund bleiben oder gesund werden".
Bundesagentur und gesetzliche Krankenversicherung haben sich für die Kooperation nicht gerade niedrige Ziele gesteckt.

Vorgesehen ist, Gesundheitsvorsorge in den Beratungsprozess der ARGEn einfliessen zu lassen. Die Jobcenter sollen auf Präventionsangebote hinweisen, während die Krankenkassen einen erleichterten Zugang zu Vorsorgemaßnahmen ausarbeiten.
Soweit die Ideen bisher ..


Die folgenden Absätze beinhalten Kommentierungen aus Betroffenensicht über das bisher erkennbare. Der letzte Absatz beinhaltet einen summarischen Faktencheck.


Betroffene beteiligen und neue Wege gehen
Mobilität und kulturelles Leben muss in den Warenkorb

Was definitiv fehlt, ist eine zivilgesellschaftliche Beteiligung der Betroffenen am Gestaltungsprozess. So dürfte ein Erfolg schwierig werden. Ohne direkte Rückmeldungen aus Betroffenenkreisen, ist die Verzugszeit für Korrekturen einfach zu lang. Kleinere und evtl. grössere Kurskorrekturen aber werden bei dem anspruchsvollen Vorhaben sicher notwendig sein.

Die Hauptaufgabe liegt bei psychisch-geprägten, oft depressiven Beschwerden. Die gilt es wirkungsvoll ins Visier zu nehmen. Dafür müssen die Ursachen auf den Tisch.
Wesentliche Faktoren sind Mangelversorgung, zu geringe soziokulturelle Teilhabechancen aufgrund von Einkommensarmut, aber auch das System ARGE / Jobcenter selbst.
An diesen drei Stellen gibt es Giftzähne zu ziehen. Mit Gesundheitskursen und Fitnessübungen ist da nichts zu machen.

Der Sachverständigenrat hatte es 2007 angesprochen: In der "Primärprävention zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen" kann man sich "nicht auf die Anwendung etablierter Regeln beschränken". Es muss auch der Mut vorhanden sein, neue Wege gehen. Beispielhafte Ansätze findet man in der Projektdatenbank des Chancengleichheit-Verbundes.
Bemerkenswert dabei, dass von den Sachverständigen Arbeitslosentreffs und Nachbarschaftszentren als Präventionsmaßnahmen ausdrücklich genannt werden. Offenbar sind hier Deutschlands Gesundheitsexperten und die engagierte Erwerbslosenbewegung ein und derselben Meinung.


Für eine gesundheitsförderliche Teilhabe brachte es die Arbeitspsychologin Gisela Mohr von der UNI Leipzig auf den Punkt. "Mobilität und kulturelles Leben müssen unbedingt zum Warenkorb der sozial notwendigen Leistungen gehören." sagte sie schon im August 2005 gegenüber dem ZDF heute Magazin.
Gut ein halbes Jahrzehnt gesellschaftliche Erfahrungen mit einem heruntergerechneten Sozialhilferegelsatz haben gezeigt, wie Recht sie hatte.


Nicht grundlos im Visier: Das "Kleingedruckte"

.. zurück in die harte Hartz IV-Alltagsrealität. Der Präventionsvorstoß wird seit Veröffentlichung wachsam, ja misstrauisch beobachtet. Es wird indirekter Zwang und eine mögliche Sanktionierung befürchtet.
Beispielhaft dafür eine Konversation zwischen zwei engagierten Onlinern. Die Aussage "Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Und zwar auch in fünf Jahren noch." spricht Bände über die Betroffenenerfahrungen seit Einführung des Arbeitslosengeld II (Hartz IV).

Kooperationsvereinbarung

"Die Kooperationspartner betonen, dass die Inanspruchnahme von Gesundheitsförderungsangeboten freiwillig sei. Weder solle Arbeitslosen eine bestimmte Lebensweise aufgezwungen werden, noch würden Leistungen oder Hilfen an eine Kursteilnahme gekoppelt." –

Quelle: Bundesagentur | GKV

Außenstehende mögen darüber verwundert den Kopf schütteln. Schließlich haben BA und GKV betont, daß die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen freiwillig sei.
Aber Betroffene und erfahrene Aktive wissen aus Erfahrung nur zu gut, weshalb Wachsamkeit ratsam ist. Denn seit Einführung des Arbeitslosengeld II hat sich am Ende noch jede Veränderung - öffentlich unter dem Titel 'Hilfe' eingeführt - als trojanisches Pferd namens Entrechtung, sinnlosen Maßnahmen, Leistungskürzung oder Zwangsumzug herausgestellt.

Vorkommnisse aus jüngster Zeit findet man auf der persönlichen Webseite der Ausschussvorsitzenden (Arbeit & Soziales) des Bundestages Katja Kipping.
Soziale Hilfe und Freiwilligkeit lesen sich anders!


Ein offenes Wort: Sollte sich Zwang - offen oder versteckt, direkt oder indirekt - in der neuen Präventionsinitiative breitmachen, wäre das gleichzeitig ihr Ende.
Der unerbittliche Druck, der vom SGB II-System seit 2005 ausgeht, ist ein wesentlicher Faktor für die massive Krankheitsentwicklung unter arbeitslosen Menschen.

"Eine weitere 'Zwangsjacke' wird mit Sicherheit niemanden gesünder machen, aber uns alle ärmer - nicht nur finanziell!"


Faktencheck: Plus und Minus

Plus

  • Einstieg in soziale Gesundheitsvorsorge
  • flächendeckende, bundesweite Verfügbarkeit
  • erleichterter Zugang
  • eindeutige Klarstellung der Kostenübernahme
  • Freiwilligkeit

Minus

  • Keine Beteiligung der sozialen Bewegungen (Erwerbslose)
  • eindeutige Entdiskriminierung fehlt
  • Gesundheitsziele noch unscharf
  • Depressive Belastungen sind keine "crashkurs-lösbare" Aufgabe

Anregungen

  • vertrauenschaffende Maßnahmen (siehe Text)
  • Präventionsangebote mit Erwerbsloseninitiativen abstimmen
  • Sozialberatungsstellen einbeziehen sowie ..
  • .. mit Eloinis / sozialen Vereinen zusammenarbeiten
  • soziale Gesundheitsprojekte fördern
  • Positivanreize setzen ("Prämie")


Anmerkungen:
Kommentar zur Präventionsvereinbarung von BA und GKV
FOTO: Karl-Heinz Laube / pixelio.de


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  1. was für ein schwachsinn. arbeitslose kümmern sich also nicht um ihre gesundheit und müsen durch entsprechende maßnahmen "gesundet" werden. aber all die armen gestalten, die sich in miesen jobs hart an der belastungsgrenze durchs leben quälen, sind automatisch kerngesund, weil ja arbeit an sich schon gesund macht.
    erwerbslose brauchen ein vernünftiges einkommen, um am allgemeinen gesellschaftlichen leben teilnehmen zu können. dann werden auf jeden fall die depressiven erkrankungen deutlich abnehmen und bei vernünftigen einkünften würden auch reichlich menschen ohne arbeit in sportvereinen oder fitnesscentern anzutreffen sein.
    ihnen fehlt es nicht an antriebskraft, sondern an geld. und gängelung durch irgendwelche behörden oder "klugscheisser" braucht niemand.
  2. Wer ist mit Schwachsinn gemeint?
    Hallo,
    Klar, die verbreitete Meinung, Arbeit an sich macht schon gesund, ist kompletter Unsinn.
    Überhaupt sind wir im Grobem einer Meinung. Ich hoffe, dass dein Kommentar nicht auf unseren Beitrag bezogen ist. Es liest sich allerdings schon so. icon_frown

    Wenn das Statement für die betroffenen Menschen nicht klar genug rübergekommen ist, würden wir notfalls eine Textkorrektur oder Ergänzung vornehmen.

    Gruss
    Detlef Müller
  3. antwort
    ok detlev, dann ist der artikel falsch rübergekommen und wir sind -grob gesehen- einer meinung.
    ich werd mich hier mal in zukunft öfters umsehen.
  4. Das kommt vor!
    Hi Landbewohner,
    Schon okay, kann ich verstehen.

    So wie man als Betroffener für alle Mögliche in der Öffentlichkeit diskriminiert wird, reagiert man auf das Thema schnell gereizt.
    Da wird man als Leidtragender zum Täter gemacht. icon_frown

    Gruss Detlef
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