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Bessere Welt | Deutschland | Urbanes Gärtnern
Soziales Dorf: Projektstand

Deutschlands erste essbare Stadt - Andernach: "Der Tisch ist gedeckt!"

Eingereicht von Maria Herzger am 11. Jul 2012 - 19:00 Uhr             Seitenaufrufe: 6187

Bild 0 für Deutschlands erste essbare Stadt - Andernach: "Der Tisch ist gedeckt!"

Öffentliches „Grün“ ist überwiegend langweilig und steril angelegt, zudem laden Verbotsschilder wie „Betreten des Rasens verboten“ nicht sonderlich zum gemütlichen Verweilen ein. Ebenso schlagen bei den meisten Städten und Gemeinden die Bepflanzung sowie Pflege der Grünflächen als schmerzlicher Kostenfaktor im Budget zu Buche. So ist es nicht verwunderlich, dass Ideenreichtum wie auch Wohlfühlcharakter bei der Gestaltung von Grünanlagen vielfach auf der Strecke bleiben. Die Stadt Andernach zeigt, dass es auch ganz anders gehen kann, denn das beschauliche Städtchen am Rhein ist die erste „essbare Stadt“ Deutschlands.



Stadtaufwertung einmal anders - „Pflücken erlaubt“ statt „Betreten verboten

Im Gegensatz zum allgemein üblichen Wechselspiel eintöniger Rasenflächen und klassisch bepflanzter Blumenbeete erstrahlt das neue „grüne Stadtbild“ von Andernach nunmehr in weitaus bunterem floralen Glanz. Mit der vor zwei Jahren begonnenen grundlegenden Umgestaltung der öffentlichen Stadtbepflanzung sind der Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden und dem Geoökologen Lutz Kosack gleich mehrere Schachzüge auf einmal geglückt. Das ideenreiche Konzept vereint neben der optischen Aufwertung der städtischen Grünanlagen Nachhaltigkeit, Förderung der Artenvielfalt wie auch Verbesserung von Lebensqualität und Gemeinschaftssinn in der Bevölkerung. Statt „Betreten verboten“ ist „Pflücken erlaubt“. Diese innovative Bereicherung ist nicht nur ein Augenschmaus für den Betrachter, sondern verspricht auch ein Erlebnis für die Geschmacksnerven und bringt nebenbei mehr Lebensfreude in das zu den ältesten Städten Deutschlands zählende Andernach.


Stadtidyll und gemeinschaftliches Miteinander mit Hilfe der Natur

Dank liebevoller Planung und tatkräftiger Unterstützung der Initiatoren durch die städtischen Arbeiter, vieler Freiwilliger, sozial Benachteiligter und Langzeitarbeitslosen, entstand rund um die altertümliche Burganlage, die zu den besterhaltenen des Mittelrheins zählt, neben einem buntgemischten Blumenmeer aus überwiegend seltenen Wildblumen ein ökologisch angelegter öffentlicher Obst- und Gemüsegarten - Genuss für Augen und Gaumen inbegriffen!

Man staune nicht schlecht, denn über 300 verschiedene Tomatensorten und 100 Bohnensorten, eine Vielzahl unterschiedlicher Zwiebelgewächse, Kohlrabi, heimischer Grünkohl, Mangold, Zucchini, jede Menge verschiedene Kräuter sowie alte Obstsorten decken nun den Tisch in Andernach. Statt auf die Bedürfnisse in konventioneller Landwirtschaft gezüchteten Einheitsware setzt Lutz Kosack auf die Verbreitung widerstandsfähiger alter Kulturpflanzen. Bei der in Andernach praktizierten „urbanen Landwirtschaft“ - Herr Kosack spricht auch von „Agro-Biodiversität“, animiert man die Anwohner sogar dazu, die Pflanzen in ihren Hausgärten anzubauen, um Artenreichtum weiter zu fördern. Denn Artenvielfalt braucht Zukunft - warum nicht im eigenen Garten!

Die Einwohner sind von der Verschönerung der Anlagen und ihrem öffentlichen Obst- und Gemüsegarten voll und ganz begeistert. An dem dürfen sie sich kostenlos bedienen und die in Bioqualität gereiften Früchte ihrer Arbeit nach Herzenslust genießen. Auch die Insekten nehmen das breitgefächerte „ökologische Buffet“ zahlreich an. Die anfangs befürchtete Plünderung sowie Vandalismus sind glücklicherweise nicht eingetreten.


Ein Projekt von moderner Lebensform – Nachahmen erwünscht!

Die Anregung an die Bevölkerung selbst aktiv zu werden, ist gelungen, denn sogar Grundschulen haben Schulgärten angelegt. Dadurch wird bereits der Jugend eine Beziehung zur Natur vermittelt, sozusagen ein Grundstock an Naturverbundenheit für das spätere Leben.

Andernach hat mit dem klein bemessenen Etat Großes geschaffen. An den farbenfrohen Blumenbeeten und artenreich angelegten Obstgärten, erfreuen sich nicht nur Anwohner, Besucher sowie Scharen von Insekten, sondern auch die Finanzen der Stadt. Denn das umgestaltete Konzept ist weitaus pflegeleichter und schluckt dabei deutlich weniger Kosten als die früheren standardmäßig angelegten Grünanlagen. So fallen nur noch ein Zehntel der früheren Ausgaben für die Pflege an. 

Auch außerhalb von Andernach findet das nachhaltige urban farming-Projekt großen Anklang. Bereits im Startjahr der Umgestaltung gewann Andernach im bundesweit ausgetragenen Wettbewerb „Entente Florale – Unsere Stadt blüht auf“ 2010, die Goldmedaille. Auch für den diesjährigen, unter dem Motto „Entente Florale. Gemeinsam aufblühen.“ stehenden Wettbewerb, wurde die Weiterentwicklung des städtischen Obst- und Gemüsegartens mitsamt seinem farbenfrohen Blütenmeer bereits von einer Jury inspiziert. Andernach kann sogar mit einem mobilen Schulgarten für die Kleinsten der Stadt aufwarten. Auf einem ehemaligen Betriebsgelände blühen Wildblumen mit mehrjährigen Stauden auf der sog. Bienenwiese um die Wette. Ende August wird sich erweisen, ob sich Andernach auch in diesem Jahr zu den glücklichen Gewinnern zählen kann. Was sicherlich zu wünschen wäre, denn die „essbare Stadt“ ist weitaus mehr als „nur“ ein Projekt, sondern eine innovative ökologisch-kommunale Lebensform, die gesellschaftliche Anerkennung finden und großflächig Schule machen sollte.

Logo Creative Commons
Autorin: Maria Herzger


Quellen:

ARD – Das Erste.de: [w] wie wissen Andernach – die essbare Stadt

Das Erste - Mediathek [w] wie wissen Andernach – die essbare Stadt

Das Grüne Blatt 1/2011 - Urbane Landwirtschaft, die essbare Stadt in Andernach

Entente Florale: Andernach blüht auf

Entente Florale Deutschland: Entente Florale. Gemeinsam aufblühen.


Fotogalerie

Anmerkungen:
Eine der ältesten Städte Deutschlands mit modernem nachhaltig-ökologischem Stadtkonzept.
FOTOS: Maria Herzger


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  1. Was für ein schönes Beispiel!
    Das ist ein wunderschönes Beispiel, wie Natur und Kultur in Einklang gebracht werden können. Wir unterschätzen häufig wie enorm wichtig, die Agro-Biodiversität für die Erde ist. Naturschutz beginnt nicht außerhalb unseres Lebensraums. Die Vielfalt an Lebensformen entstand häufig durch die kulturelle Nutzung durch den Menschen und daher ist Kultur und Natur nicht zu trennen. Wie kunstvoll die Pflanzungen in auf dem Bildern aus Andernach aussehen, wir harmonisch! Wahre Pflanzenvielfalt entsteht durch die Vielfalt an kleinbäuerischen Kulturen, die Kulturpflanzen liebevoll erhalten, pflegen, nutzen und weiter züchten. Und warum nicht innerhalb der essbaren Stadt oder des essbaren Dorfs, wunderbar!

    Liebe Grüße,
    Martina von der "essbaren oecofinca"
  2. Naturschutz beginnt nicht außerhalb underes Lebensraums
    Liebe Martina,

    Zitat: "Naturschutz beginnt nicht außerhalb unseres Lebensraums"

    genau so sehe ich das auch. Wenn man bspw. bedenkt, wieviel Herbizide tagtäglich auf Deutschlands Rasen landen, dann wird mir übel. Jedes noch so kleine Unkräutchen wird bekämpft. Dabei erfreuen sich gerade die Insekten wie Hummeln, Bienen und Schmetterlinge am sog. Unkraut im Garten. Viele Gartenbesitzer wissen gar nicht, dass z. B. das durch Moosvernichter verdörrte Moos nicht in die Biotonne darf, da es durch den sorglosen Gebrauch von Chemikalien zu Sondermüll geworden ist.

    http://www.swr.de/regionen/giftiger-eisenduenger/-/id=3438/vv=teaser-12/rid=9507578/gp1=9590296/nid=3438/did=9677610/tqj42i/index.html

    Umso erfreulicher ist das Konzept von Andernach, die Gartenschönheiten in Bioqualtiät heranwachsen zu lassen. Das erfreut nicht nur die Gesundheit und Umwelt sondern macht die Anwohner sicherlich auch sensibler für die Thematik und es bleibt zu hoffen, dass so manche Chemiekeule im heimischen Garten keine Anwendung mehr findet, sondern die Restbestände an Unkrautvernichtern stattdessen ordnungsgemäß dem Sondermüll zugeführt werden.

    Das farbenprächtige Blütenmeer an Wildblumen und der idyllisch angelegte Nutzgarten an der Stadtmauer in Andernach ist so wunderschön. In komme immer wieder ins Schwärmen, wenn ich jemandem davon erzähle.

    Viele liebe Grüße zur "essbaren oecofinca",
    Maria icon_smile
  3. Deutschlands erste essbare Stadt - Andernach: "Der Tisch ist gedeckt!"
    ich finde das ist eine tolle Idee. Nicht nur das es schön aussieht, es ist auch noch eine Aufforderung an die Bewohner mitzumachen.

    Ich bin in Erlangen zu Hause und habe eine Frage:
    Wie habt Ihr es geschafft, dass die Hundehalter von Andernach nicht ihre Hunde durch die Pflanzen laufen lassen. In Erlangen wäre so etwas unmöglich, denn hier laufen die Hunde auf jedem Fleckchen grün herum. Meist ohne Leine. Natürlich hinterlassen sie da auch ihre Exkremente. Es ist ganz egal, ob es sich um Natur- oder Landschftsschutzgebiete handelt, oder einfach nur um Wiesen, Felder, Wald oder Parkanlagen. Oder einfach nur um das "Kleine Grün" nebenan. Das heißt, in Erlangen wäre so etwas nicht zu machen, denn essbar wären die Produkte hier nicht mehr.

    Deshalb, wie bringt man Hundehaltern bei, dass Hunde nicht immer und überall frei herumlaufen dürfen? Ich wäre dankbar für die eine oder andere Anregung, die auch in Erlangen umgesetzt werden könnte. icon_smile
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